Wohnen auf dem Wasser

Kategorie [ Wohnen am Wasser ]

AbendsonneEine altbewährte und doch ganz neue Lebensform: schwimmende Häuser


Wellengang statt Rasenmähen, Möwen und Enten beim Blick aus dem Fenster, Kanu und Rettungsring immer an Bord – das klingt wie Urlaub. Die Schwimmhaus-Architektin Dipl.-Ing. Anne Schulz berichtet über die Ursprünge und Vorzüge schwimmender Häuser.


Immer mehr Menschen denken ernsthaft über diese Lebensform nach, inspiriert von Berichten über Hausboot-Projekte in Hamburg, Berlin oder Rendsburg, über umgebaute Wohnschiffe und neue Schwimmhaus-Varianten oder durch stimmungsvolle Reportagen aus Amsterdam, London oder Paris.
Möglich wird dieser Traum durch einen Sinneswandel in der öffentlichen Wahrnehmung, der seit einigen Jahren auch die Stadtplanungsämter und Behörden erreicht hat – und nun seinen Niederschlag findet in der Freigabe innerstädtischer Liegeplätze und vereinfachter Genehmigung.
“Hausboot-Wohnen” wird gesellschaftsfähig. Dabei ist diese Lebensform sehr alt und über den gesamten Globus verbreitet.
Reisende kennen die schwimmenden Märkte in Asien und im arabischen Raum: die Dschunken, Dungas und Dhaus – kunstvolle, hölzerne Segelschiffe, die ganzen Familien als Wohn- und Arbeitsort zugleich dienen. Oder die Hausboote im Kolonialstil in Indien und Bangladesch. Selbst in den Hochgebirgsgewässern des Kaschmir findet man Dungas, traditionell hölzern und traumhaft schön.
Ebenfalls in Asien, zum Teil auch in Indonesien, leben viele Dorfgemeinschaften auf Pfahlbauten im Wasser oder gar in schwimmenden Siedlungen, welche als “Häuserkette” den Fischschwärmen hinterherziehen.
Parallel hat sich diese Lebensform im vergangenen Jahrhundert auch in den westlichen Ländern weltweit ausgebreitet – in Europa zunächst nachkriegsbedingt als Ausweichquartier, später dann (zusammen mit der Hippiebewegung) auch in Nordamerika. Dort findet man heute etliche große, zusammenhängende Siedlungen. Man denke nur an den Film “Schlaflos in Seattle”. Die Bandbreite reicht von schwimmenden Trailerparks bis zu Seniorenresidenzen im Kolonialstil.
In Europa liegen in etlichen Hauptstädten historische Wohnschiffe: Narrowboats in London, Penichès in Paris und umgebaute Binnenschiffe in Prag und Berlin.
Neubauten auf der Basis von Betonpontons sind in den Niederlanden weit verbreitet. Als selbstverständliche Alternative zu Grund und Boden werden derartige Schwimmhäuser von den Banken finanziert und mittlerweile fast “fließbandartig” produziert.
Wer in Deutschland auf´s Wasser ziehen möchte, kann auf einen breiten Fundus an Erfahrung und Möglichkeiten zurückgreifen. Soll ein Schiff umgebaut werden oder wird es ein Neubau? Wählt man Stahl, Kunststoff oder Beton als Material für den Schwimmkörper? Wie viel Platz braucht man zum Leben? Möchte man mobil sein oder dauerhaft an einem Ort liegen?
All diese Fragen bestimmen den Entwurfs- und Bauprozess, wobei die Gegebenheiten des gewählten Liegeplatzes (Tiefgang, Tidenhub, Brückendurchfahrtshöhen etc.) ebenso viel Einfluss auf diesen Prozess haben wie die persönlichen Gestaltungswünsche.
Die Rahmenbedingungen für die Genehmigung eines Schwimmhauses bzw. Hausbootes differieren von Stadt zu Stadt. Generell gelten folgende Anhaltspunkte: Das Objekt muss kraftschlüssig verankert und an die lokalen Versorgungsnetze angeschlossen sein (Wasser, Abwasser, Strom, ggfs. Gas oder Fernwärme), und es benötigt einen Schwimmfähigkeitsnachweis sowie eine Havarieversicherung.
Der Weg vom “Hausboot-Traum” zum bezugsfertigen Objekt ist gangbar und realistisch. Dabei ist die Unterstützung durch Fachplaner angeraten und sinnvoll – schließlich baut auch kaum jemand sein “Haus auf dem Land” allein und ohne Erfahrung.
Ach ja… was das kostet? Mit fachkundiger Begleitung kostet es in etwa soviel wie ein gutes, wertiges Einfamilienhaus. Schließlich ist dieses sowohl von der Ausführungsqualität als auch vom Lebensstandard her das, was man auch auf einem schwimmenden Haus erwartet und geliefert bekommen soll.
Preislich macht es wenig Unterschied ob man ein Bestandsschiff saniert (auch wenn hier vermeintlich “fast alles schon da ist”) oder von Grund auf neu baut. Oft wird zudem vergessen, dass auch ein schwimmendes Haus Anschlussleitungen und Zuwegungen benötigt. Diese sind bei Grundstückserschließungen selbstverständlich und gehören in jede vernünftige Kalkulation für das Wohnen auf dem Wasser mit hinein.
Alle Fragen beantwortet? Neugier und Lust geweckt? – Na dann Leinen los!


Foto: Schwimmhausarchitekten